Am Guten Mann - Stadtmuseum Mülheim-Kärlich

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Am Guten Mann

Sehenswertes
Kapelle am Guten Mann

Historische Daten und Kurzbeschreibung
 
Die heutige Kapelle „Am Guten Mann“ wurde im Jahre 1838 nach Plänen des preußischen Stadt- und Bezirksbaumeisters Johann Claudius von Lassaulx erbaut. An gleicher Stelle standen mehrere Vorkapellen, Das Jahr 1162 ist das älteste Datum für den urkundlichen Nachweis eines Siechenhauses mit späterer Kapelle. Die Karthäuser von Koblenz waren hier in der Betreuung der unheilbar Kranken (Siechen) tätig. Für die Siechen galten feste Verhaltensregeln: sie duften sich nur bis zu einer bestimmten Grenze bewegen. Hierhin brachten die Einwohner der Umgebung „gute Gaben“ für diese Armen. Mit einer Holz-Klapper mussten sich die Siechen bemerkbar machen. Sie riefen „Guter Mann“, um anzuzeigen, dass sie nicht in böser Absicht kamen. Daher erklärt sich der Name der Kapelle bis auf den heutigen Tag.
 
Der Hügel, auf dem die Kapelle im Schatten des gerade noch vorhandenen Kühlturmes steht (der Abriss des Kühlturmes soll im Laufe des Jahres 2018 erfolgen), war vor 5.000 Jahren Mittelpunkt einer Kultstätte. Hier lebten Steinzeitmenschen im sogenannten Erdwerk „Urmitz“, das in der Literatur auch als „Fliehburg“ bezeichnet wird. Seinen Namen erhielt es von der nahe gelegenen Bahnstation Urmitz. Das Erdwerk lag im natürlichen Schutz zwischen Rhein und einem Alt-Arm des Rheines und ferner in einer halbkreisförmig angelegten Wallanlage mit Gräben und Palisaden, die beim Bimsabbau entdeckt und freigelegt wurden.

Die Kapelle am „Guten Mann“ steht heute auf einer Anhöhe am Rhein. Mit Sicherheit war diese Anhöhe auch schon vor 13.000 Jahren beim Ausbruch des Laacher Seevulkans vorhanden als das ganze Neuwieder Becken buchstäblich unter Wasser stand.
Der gestaute Rhein ist nach Ansicht der Experten auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Laachersee-Vulkan das Brohltal mit glühend heißem Trass ausfüllte, der im erkalteten Zustand an der Mündung des Brohlbaches im Rhein den sogenannten „Brohldamm“ entstehen ließ. Bei einer Wanderung auf dem Traumpfad durch das Brohltal bestätigt sich das, wenn man Bilder sieht, wie der Trass bis ins 20. Jahrhundert abgebaut wurde.
Neben dem Brohltal wurde auch das Krufter Bachtal beim Ausbruch des Laacher See-Vulkans mit Tuff ausgefüllt, den die Römer geschickt für die Gewinnung von Baumaterial nutzten.

Der Standort der Kapelle am „Guten Mann“ lag vor rund 5.000 Jahren genau am Rande des Mülheim-Kärlicher Erdwerkes (Erdwerk Urmitz), in dem die Menschen der Jungsteinzeit in einer Art Fliehburg zusammenlebten. Dieses Erdwerk war eine riesige Anlage in Hufeisenform. Es war an drei Seiten geschützt durch den Rhein mit seinen Altarmen und einem künstlich angelegten Wall aus Gräben und Palisaden, wie beim Bau der Eisenbahn und dem Bimsabbau nachgewiesen werden konnte.
An diesem Standort lag vor rund 2.000 Jahren (genau am Rande der Mülheim-Kärlicher Gemarkung „Am guten Mann“) eine römische Siedlung und ein florierendes Töpferzentrum mit mindestens 10 Brennöfen, wie bei Ausgrabungen in den Jahren 1974/1975 festgestellt wurde. Schaubilder zu dieser Thematik und keramische Funde aus dieser römischen Produktionsstätte findet man im Stadtmuseum.


Der Standort der eigentlichen Kapelle am „Guten Mann“ hat einen geschichtlichen Hintergrund von mehr als 850 Jahren. Bereits im Jahre 1162 findet sich eine urkundliche Erwähnung, dass sich hier ein Siechenhaus befand. Unheilbare Leprakranke waren seinerzeit wegen ihrer ansteckenden Krankheiten aus den Ortschaften ausgegliedert und an diesen Ort verbracht worden. Bei dem Siechenhaus ist selbstverständlich eine Kapelle anzunehmen, wie der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt in der Geschichte der Kapelle vermerkt. „Das entspricht dem religiösen Geist dieser Jahrhunderte“, schreibt er. Bereits im Jahre 1162 findet sich eine urkundliche Erwähnung, dass sich hier ein Siechenhaus befand. Im Jahre 1389 findet sich die Kapelle auch urkundlich belegt. Die Karthäuser aus Koblenz, so der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt, sind hier tätig in der Betreuung der Siechen. Sie versehen auch den Gottesdienst in der Kapelle. 1399 wird ein Siecher mit Namen genannt. Es ist Kloffgen vom nahen Kettig. Er erhält sogar ein eigenes „Häuschen“. Im Stadtmuseum  findet man noch ein gemaltes Bild, auf dem um die Kapelle mehrere Wohnhäuser angesiedelt sind.
Am Fest Maria Verkündigung, dem 25. März 1499, das ist nach trierischer Zeitrechnung der Neujahrstag, wird eine neue Kapelle konsekriert, so die Mülheim-Kärlicher Stadtchronik von 2009. Die Konsekration nimmt der Weihbischof Johann von Trier vor, wie ein altes Meßbuch berichtet. Von diesem Tag der Konsekration 1499 geht man jährlich am Neujahrstag in Prozession von der Pfarrkirche in Kärlich aus zum Guten Mann. Dort findet dann ein feierliches Amt mit Segen statt.

Im Jahre 1601 werden auch die Siechen von Weißenthurm nach dem Guten Mann verlegt, schreibt Pfarrer Josef Schmitt in der Broschüre über die Kapelle. Ihre Häuser am Platzenborn (Am Zolltor in Weißenthurm) sind abgebrannt. Der Stadtrat von Andernach – die Häuser lagen wohl auf der Seite zu Andernach und damit im Bereich der Stadt Andernach – finanzierte die Verlegung nach dem Guten Mann. Im 30 jährigen Krieg und in der Folgezeit sind die Siechenhäuser um die Kapelle stark belegt. 1565 und 66 wird sogar von einer Überbelegung berichtet. Man hatte viele Siechen vom Siechhaustal bei Koblenz nach dort gebracht. Doch um 1700 wird es ruhiger am Guten Mann. Um 1725 findet sich kein Siecher mehr am Ort. Auch die Kapelle wird nicht mehr betreut. Der bauliche Zustand wird als ruinös bezeichnet.
 
Umso prächtiger, so schreibt der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt, sollte sie in den Jahren 1746 und 1747 erstehen. Zwei Jahre baute man an ihr. Ihre Ausmaße konnte Schmitt bei Erdarbeiten 1980 feststellen. Die Breite betrug 7,40 m. Die Länge war nicht mehr zu finden. Die Fundamt-Mauern saßen direkt über der Bimsschicht. Die Kapelle besaß drei Altäre, Kanzel und Beichtstühle. Am Tag der Einweihung setzte man bewusst den früheren Tag der Konsekration von 1499 fest, also den 25. März 1748, den Neujahrstag. Über diese Einweihung, die der Trierer Kurfürst Franz Georg von Schönborn eigens angeordnet hat, hinterließ der damalige Pfarrer Wingender im Kärlicher Taufbuch eine Eintragung von 36 Zeilen.
Im Jahre 1762 erhielt die Kapelle vom kurtrierischen Kammerherrn Ignatius Franz von Ehrenfels eine großzügige Stiftung von 600 Talern mit der Auflage, am Fest des hl. Johannes von Nepomuk dort ein feierliches Hochamt zu halten. Wie der ehemalige Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt in einer Broschüre über die Kapelle schreibt, befindet sich das Original der Stiftung im Pfarrarchiv. Zu den Schätzen der Kärlicher Kirche gehört auch ein Messgewand des Kammerherrn.
Die Kapelle am Guten Mann wurde auch ein Opfer der Kriege in der Französischen Revolution, so schreibt der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt in der Geschichte über die Kapelle. Bei der Beschießung der Stadt Neuwied am 29./30. August 1795 erlitt die Kapelle große Schäden. Mehr noch suchten die Truppen der Österreicher von der Neuwieder Seite her mit ihren Geschossen die aufragende Kapelle am Rhein als Hindernis niederzulegen. Als am 17. April 1798 General Hoche von Weißenthurm den Rhein überschritt, stand vom Bau der Kapelle nichts mehr. Gras wuchs in der Folgezeit über dem Platz, an dem sie einstmals gestanden.
Nach der kriegerischen Zerstörung der Kapelle Ende des 18. Jahrhunderts lag ihr Platz lange Jahre „verödet“ da. Doch blieb die Kapelle im Bewusstsein der Bevölkerung. Man ruhte nicht, bis man an der gleichen Stelle an einen Wiederaufbau gehen konnte. Es war eine arme Zeit. Mühsam wurde das Geld aus dem Erlös der „Schafweide“ aufgebracht. Ein Basaltkreuz über dem Eingang bestätigt den Neubau im Jahre 1838. Die Kapelle entwarf der preußische Kreisbaumeister Johann Claudius von Lassaulx aus Koblenz, der um diese Zeit auch die Kirche von Weißenthurm erbaute.
Während der Bauzeit der Weißenthurmer Dreifaltigkeitskirche entwarf der  preußische Kreisbaumeister Johann Claudius von Lassaulx aus Koblenz auch die Kapelle am Guten Mann. Typisch für Lassaulx sind die heimischen Baumaterialien wie schwarze  Lavabrocken (auch Krotzen genannt), hell grauer Tuff und dunkelgrauer Brigg, die auch unter dem Dach halbrund in vorkragender Art im Jahre 1838 verbaut wurden. Baumaterial und Baustil findet man auch an den Außenmauern der Weißenthurmer Kirche und vielen anderen Kirchen, Schulen und Häusern wieder, bei denen Lassaulx „die Hand im Spiel“ hatte.
Die Apsis im Innern der Kapelle am Guten Mann wurde im Blick auf eine Pieta geschaffen, die die Schwester des Kärlicher Pastors Peter Wiersell, mit Namen Elisabeth Wiersell, der Pfarrei Kärlich als Stiftung hinterlassen hat. Wie der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt in der Mülheim-Kärlicher Stadtchronik 1981 schreibt, ist der Grabstein dieser Spenderin zum Dank am Eingang des Kärlicher Friedhofes gleich links neben dem Eisenportal in die Wand eingemauert worden, als der Friedhof von der Kärlicher Kirche in die Kettiger Straße verlegt wurde. Die Pieta findet man heute restauriert im Ostchor der Kärlicher Kirche. Sie stand bis 1970 in der Kapelle am Guten Mann. Dort findet man heute, „um sie einem fremden Zugriff zu entziehen“, wie Schmitt schreibt, eine Kopie dieser Pieta.
Bis 1970 stand die von Elisabeth Wiersell gestiftete Pieta im Altar der Kapelle, heute nur noch in Form einer Kopie. Der Kärlicher Pfarrer Josef Schmitt fand im Kärlicher Pfarrarchiv eine Aufzeichnung auf einem losen Blatt, die den Schriftzügen nach von Pfarrer Jakob Schlecht (1830 – 1876) stammt. Darin steht: Die Kapelle ist „ausgestattet mit einem schönen aus Stein gehauenen Altar mit Statuen und Altarbild gut in Öl gemalt, herrührend vom Rohrer Hof ehedem Besitz der Abtei Hemmerod bei Rhein Metternich.“ Das Altarbild zeigt eine Darstellung des hl. Bernhard, der Jesus vom Kreuz abnimmt. Am unteren Ende ist das Wappen des Klosters Himmerod mit den zwei Ringen, ein Eichenlaubzweig als persönliches Abt-Zeichen und die Inschrift „Robertus Abbas Hemmerode“ vermerkt. Es handelt sich um den Abt Robertus Bootz (1685 – 1730 vom Kloster Himmerod. Dieses Ölgemälde wurde später, wahrscheinlich bei der Renovierung 1981 wieder aus der Kapelle genommen. Es wird heute in der Sakristei der Kärlicher Kirche aufbewahrt.
Beim Bau der Kapelle am Guten Mann am Rhein waren mit Sicherheit einheimische Handwerker beteiligt. So kam bei Renovierungsarbeiten 1981 beim Abstrahlen der alten Farbe auf einem Eisenstab der Kapellentüre folgender Text zum Vorschein: „Der Schlossermeister Peter Ludwig wohnhaft in Mülheim gebürtig in Bendorf 1845“ Wahrscheinlich schmiedete er auch das Kreuz auf dem Dachreiter der Kapelle. Dieser Peter Ludwig war ein „faber ferarius“, also ein Schmiedemeister und betrieb auch einen Kohlenhandel in Mülheim. Er war von 1830 bis 1870 Besitzer des Kastorhofes in der Kärlicher Straße und gilt als Ahnherr der Tonwerke Ludwig.
Schon der römische Feldherr Gaius Julius Cäsar, der an der Rheinstrecke zwischen Urmitz und Andernach seine Brücken über den Fluß geschlagen haben soll, spricht in seinem Kriegsbericht „De bello gallico“ von der großen und reißenden Schnelligkeit des Flusses. Angeblich gab es diese Stromschnellen auch noch bis in neuere Zeiten, wie Bewohner zu erzählen wissen. In Anlehnung daran ist bei der Renovierung der Kapelle ein Fenster mit dem Eremiten, den Weißen Thurm der Nachbargemeinde im Rücken, gestaltet worden, der die Schiffer und Flößer auf die Gefahrenstelle des Rheines hinweisen soll. Das Fenster ist vom Kärlicher Pastor, Josef Schmitt, gestiftet worden.
Zur historischen Umgebung der Kapelle gehört auch der Kuhlturm in unmittelbarer Nähe, der sich zurzeit im Abbruch befindet. Noch überragt er die Kapelle. Aber irgendwann, wenn er abgetragen ist, wird die Kapelle Am Guten Mann auf ihrer Anhöhe wieder das höchste Gebäude in diesem Gelände sein.
Die zur Pfarrei St. Mauritius Kärlich gehörende Kapelle ist in jedem Jahr Ziel vieler Wallfahrer aus Ortschaften der Umgebung. Der Platz um die Kapelle lädt zum Verweilen ein. Am 9. September 2018, dem Tag des offenen Denkmals, fanden mehr als 80 Personen aus nah und fern Interesse an der Geschichte dieses sakralen Kleinods, über die Vertreter der Museumsfreunde berichteten.
Winfried Henrichs schreibt in der Stadtchronik Mülheim-Kärlich, dass der Kapelle von Anfang an eine Siechenunterkunft angebunden war. Da man früher die meisten ansteckenden Infektionskrankheiten so u. a. Lepra nicht heilen konnte, wurden die Kranken rigoros aus der Gesellschaft der Gesunden ausgeschlossen und mussten in abgegrenzten Bezirken, bei uns um die Kapelle am Guten Mann herum, außerhalb der Siedlungen, weitgehend rechtlos, ihr Leben bis zum Tode fristen. Die Lepra wird auch Aussatz genannt, weil die Leprakranken ausgesetzt wurden, damit sich die Gesunden nicht anstecken konnten. Die Ausgegrenzten durften sich in Kärlich nur bis zum Bildstock „Job“ an der verlängerten Rheinstraße bewegen. Hier stellten die Kärlicher Gaben für die Kranken ab.
Der Kärlicher Bildstock „Job“ war eine Grenzmarkierung für die Aussätzigen. Nur bis hierhin durften sich die Kranken begeben. Mit einer Holzklapper, auch Lepraklapper genannt, mussten die Siechen auf sich aufmerksam machen, wenn sie Gesunden begegneten. Dabei sollten sie „Guter Mann“ rufen, um ihre guten Absichten anzuzeigen. „Von diesem Ruf ist der Name der Kapelle abzuleiten“ so schreibt Winfried Henrichs in der Stadtchronik Mülheim-Kärlich,

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